Interview: Dr. Volker Nies

2019 ERLAUBT EINEN OPTIMISTISCHEN
BLICK IN DIE ZUKUNFT

IHK-PRÄSIDENT DR. CHRISTIAN GEBHARDT UND
KREISHANDWERKSMEISTER THORSTEN KRÄMER
SCHAUEN ZURÜCK – UND NACH VORN

13.12.2019

IHK und Handwerk 

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Fulda vertritt 14.400 Unternehmen im Kreis Fulda. In der Geschäftsstelle der Kammer arbeiten 35 Mitarbeiter. Die Kreishandwerkerschaft Fulda vertritt 960 Betriebe. In ihrer Geschäftsstelle arbeiten acht Beschäftigte.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich unsere Region enorm entwickelt. Darauf dürfen wir alle stolz sein.

Dr. Volker Nies

Leiter der Journal-Redaktion „Wirtschaft & Karriere“

Wenn sich ein junger Mensch für eine Ausbildung entscheidet, dann finden wir Mittel und Wege, ihn zum Abschluss zu führen.

Dr. Christian Gebhardt

Präsident IHK Fulda

Fachkräfte und Nachfolge – das sind unsere größten Herausforderungen.

Thorsten Krämer

Kreishandwerksmeister

Im Gespräch mit Verleger Michael Schmitt und Redakteur Dr. Volker Nies bewerten  IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt und Kreishandwerksmeister Thorsten Krämer (von rechts) die Wirtschaftsregion.  Fotos: Daniela Petersen

IN DEN OSTHESSISCHEN WIRTSCHAFTSVERBÄNDEN SIND 2019 ZWEI MÄNNER VON DER STELLVERTRETUNG IN DIE FÜHRUNG AUFGESTIEGEN. DR. CHRISTIAN GEBHARDT (60) WURDE ALS NACHFOLGER VON BERNHARD JUCHHEIM (69) NEUER PRÄSIDENT DER INDUSTRIE- UND  HANDELSKAMMER FULDA, THORSTEN KRÄMER (51) LÖSTE CLAUS GERHARDT (64) ALS KREISHANDWERKSMEISTER AB. NACH EINEM HALBEN JAHR IM AMT BLICKEN SIE FÜR BUSINESS VIEW ZURÜCK – UND NACH VORN.

War 2019 es ein gutes Jahr für die Unternehmen? 

Gebhardt: Viele Betriebe haben mit einer Konjunkturdelle zu kämpfen. Gerade bei den Automobil-Zulieferern sind die Auftragsbücher nicht mehr so voll, und sie haben zum Teil die Beschäftigtenzahl reduziert. Insgesamt ist der Arbeitsmarkt stabil. Im Kreis Fulda haben wir die geringste Arbeitslosenquote in ganz Hessen.

Wie bewerten Sie das Jahr insgesamt?

Gebhardt: Es war kein Spitzenjahr, aber ein Jahr, mit dem man zufrieden sein darf, und eines, das erlaubt, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Krämer: Das Handwerk ist sehr zufrieden. Wir sehen die Delle in der Industrie, aber sie schlägt im Handwerk noch nicht durch. Das könnte sich ändern, wenn die Delle tiefer wird. Aber im Moment haben wir volle Auftragsbücher. 

Welche Note würden Sie dem Jahr geben?

Krämer: Eine Gesamtnote ist schwierig für so viele unterschiedliche Gewerke. Alle Betriebe, die mit dem Bau zu tun haben, sind sehr zufrieden. Auch die nächsten 12 bis 18 Monate bleiben sicher sehr gut. Das Kfz-Handwerk hat bei Service und Reparatur gut zu tun. Beim Verkauf sind die Aussichten unsicherer. Die CO2-Besteuerung wird den Kfz-Absatz außerhalb der E-Mobilität nicht erhöhen. Müsste ich eine Gesamtnote geben, wäre es eine 2. 

Der Fachkräftemangel belastet fast alle Betriebe. 

Krämer: Stimmt. Besonders schwer bei der Nachwuchsgewinnung hat es seit Jahren das Lebensmittelhandwerk, also Bäcker und Metzger. Insgesamt aber hat das Handwerk im Kreis Fulda so viele Lehrverträge abgeschlossen wie im Vorjahr. Neben der Frage der Fachkräfte ist die Nachfolge für das Handwerk ein großes Problem: Wer übernimmt einen Handwerksbetrieb, wenn der Chef seine Firma abgeben will? Fachkräfte und Nachfolge – das sind unsere größten Herausforderungen. 

Gebhardt: Auch für Industrie und Handel ist der Fachkräftemangel eines der größten Probleme. Durch die demographische Entwicklung steigt der Altersdurchschnitt in den Firmen. Viele Mitarbeiter stehen vor der Rente. Unternehmen werden die Beschäftigten, die in fünf oder sechs Jahren ausscheiden, kaum noch ersetzen können.

Um Fachkräfte zu gewinnen, tut die Region schon einiges. Sie sucht jetzt bundesweit Nachwuchs; Azubis von außen können bei pings wohnen; es gibt ein Portal für Praktikanten. Welche Möglichkeiten sehen Sie noch, um Nachwuchs zu gewinnen?

Gebhardt: Wir müssen unsere Stärken herausstellen: das tolle Umfeld, den hohen Freizeitwert der Stadt Fulda und von Rhön und Vogelsberg. Wir müssen ganze Familien überzeugen, indem wir auch dem Lebens- bzw. Ehepartner eine Stelle anbieten. Das kann über eine Börse geschehen. Wir haben hervorragende Schulen, das soziale Klima und die innere Sicherheit sind besser als anderswo. Das müssen wir herausstellen. Dann gelingt es uns, Fachkräfte zu gewinnen und an uns zu binden.

Ein Plus ist auch die Hochschule mit ihren knapp 10.000 Studenten.

Gebhardt: Ja, viele bleiben nach dem Studium in der Region. Krämer: Die Kinder, die vor 18 oder 20 Jahren nicht geboren wurden, fehlen jetzt bei den Schulabgängern. Das lässt sich nicht mehr ändern. Wir sollten zunächst versuchen, alle Schulabgänger im Kreis zu halten. Heute verlassen viele die Region. Wir müssen uns noch mehr darum bemühen, nicht nur Absolventen der Hochschule, sondern auch Studienabbrecher für die Region zu gewinnen. Und die Region muss so attraktiv bleiben wie sie ist. 

Das bedeutet?

Krämer: Wir sind seit vielen Jahren wirtschaftlich stabil, seit 30 Jahren liegen wir mitten in Deutschland, wir haben ein tolles kulturelles Angebot. Vor 20 Jahren hätte es niemand geglaubt, dass Elton John oder die Scorpions jemals auf dem Domplatz auftreten. Auch der Musicalsommer macht die Region attraktiv. Das Niveau muss man auch erst einmal halten. 

Vor Jahren wurde beklagt, dass viele Schulabgänger nicht ausbildungsreif sind. Ist das noch heute so?

Gebhardt: Viele Chefs klagen darüber. Deshalb gehen sie dazu über, schwächere Auszubildende noch intensiver mit ausbildungsbegleitenden Hilfen zu unterstützen. Ich sage: Wenn sich ein junger Mensch für eine Ausbildung entscheidet, dann finden wir Mittel und Wege, ihn zum Abschluss zu führen. 

Sinken die Anforderungen an Bewerber?

Gebhardt: In Berufen, in denen der Bewerbermangel sehr stark ist, ist das notgedrungen so, wenn man ausbilden will.

Krämer: Ich weiß nicht, ob die Standards sinken. Die Anstrengungen, die wir unternehmen, um Azubis zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, werden aber größer. 

Mit welchen Erwartungen blicken Sie auf 2020?

Krämer: Im Handwerk fährt der Zug stabil und im gleichen Tempo weiter. Für 2020 mache ich mir keine Sorgen. Wenn die Rahmenbedingungen bleiben, wie sie sind, sehen wir positiv in die Zukunft. 

Gebhardt: Wer nicht positiv in die Zukunft sieht, sollte nicht Unternehmer werden. Die politischen Rahmenbedingungen sind unsicher, national wie international. Unsere Industriebetriebe haben eine hohe Exportquote, die meist zwischen 30 und 50 Prozent liegt. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China und der Brexit bringen den Betrieben große Unsicherheit. National brauchen wir vor allem verlässliche Rahmen. 

Was genau?

Gebhardt: Das fängt bei einem guten Internet an und geht bei den Gesetzen weiter. Wir haben Gesetze, die nicht durchführbar sind. Das 450-Euro-Gesetz ist ein Beispiel. Die Regeln sind so kompliziert geworden, dass vielen Betrieben bei einer Prüfung hohe Nachforderungen drohen.

Wo genau liegt das Problem?

Gebhardt: Die Arbeitszeitregeln für 450-Euro-Jobs sind zu kompliziert. Die meisten Verträge enthalten keine Wochenarbeitszeit. Bei einer Prüfung nimmt die Rentenversicherung 20 Wochenstunden an. Kombiniert mit dem Mindestlohn wird die 450-Euro-Grenze überschritten. Hohe Nachforderungendrohen, und die Sozialversicherung verzinst diese mit zwölf Prozent. Auch die Direktversicherung ist ein Thema.

Nämlich?

Gebhardt: Ein Arbeitgeber schließt für seine Mitarbeiter eine Direktversicherung ab. Geht der Mitarbeiter in Rente, wird auf den Auszahlungsbetrag der volle Krankenversicherungsbeitrag fällig. Da sind 15 Prozent weg – bis zur Grenze von derzeit 54.450 Euro. Das ist für die Betroffenen eine Last, die der Gesetzgeber leicht beseitigen könnte. 

Krämer: Einen kleinen Schritt hat die Politik für das Handwerk getan. Ab Januar kehrt die Meisterpflicht in zwölf Gewerken zurück. Das ist für die Verbraucher ein Vorteil, weil sie jetzt davon ausgehen können, dass der Inhaber qualifiziert ist, und es ist auch für die Ausbildung ein Plus. 

Welche weiteren Probleme hat das Handwerk?

Krämer: Der Mindestlohn bleibt ein Ärgernis. Mitarbeiter sollen ordentlich bezahlt werden, aber die begleitende Bürokratie ist immens. Ich frage mich, ob der Staat alles bis in letzte Details regeln muss. Die Folge ist dann, dass manche Jobs für Geringqualifizierte einfach verschwinden. Das hilft den Betroffenen nicht. Die Politik sollte öfter bereit zu sein, ein Gesetz zu korrigieren, wenn sie merkt, dass es nicht wirkt wie erhofft. Gebhardt: Stimmt. Die Regelungsflut in Deutschland ist ein Problem. Der Staat darf sich nicht in alles einmischen. Trauen wir doch den Bürgern und den Mitarbeitern einmal etwas zu.

Welche Wünsche haben Sie an die
kommunale Politik?

Gebhardt: Das größte Problem sind fehlende Gewerbeflächen. Wirtschaftliche Entwicklung braucht Flächen. Da müssen die Kommunen aktiver werden. Schnelles Internet kann dazu führen, dass auch ländliche Kommunen als Standort interessant werden. Krämer: Uns ist auch wichtig, dass der Berufsschulstandort Fulda-Hünfeld gestärkt wird. Zu einer starken Wirtschaftsregion gehören gute Berufsschulen. Die Modernisierung der Ferdinand-Braun-Schule ist ein guter, großer Schritt. Ich hoffe, dass wir bei ihrer Ausstattung einbezogen werden, so dass die Schule die Zukunft des Handwerks zeigen kann. Der Ausbau des Internets ist uns ebenfalls wichtig – für unsere Unternehmen, aber auch die Berufsschulen.

Insgesamt stoßen Sie mit Ihren Wünschen aber auf offene Ohren in Stadt und Kreis?

Gebhardt: Ja, die Gesprächsbereitschaft ist immer da. Es ist ein sehr gutes Miteinander. Wir entscheiden nicht, aber wir werden gefragt. Krämer: Das zeichnet unsere Region aus: Wir konnten schon netzwerken, als es Facebook noch nicht gab. Kommunalpolitik und Unternehmen – man kann einander anrufen und findet auf der anderen Seite Verständnis. Der Austausch ist regelmäßig und gut.

Haben Sie Wünsche an Ihre Zeitung?

Gebhardt: Nein. Auch unser Austausch ist gut und fair. Ich lese die Zeitung gedruckt und als E-Paper. Der Relaunch der Zeitung im Mai – also die neue Optik und das Setzen von Schwerpunkten im ersten Zeitungsteil – finde ich sehr gelungen. Wer die Region gestalten will, der kann auf die Fuldaer Zeitung nicht verzichten. Weiter so!

Krämer: Wenn ich unterwegs bin, lese ich die Zeitung Tablet. Aber zuhause beim Frühstück muss es die gedruckte Zeitung sein. Das ist wie ein Ritual. Durch den Relaunch hat die Fuldaer Zeitung enorm gewonnen.